Engagierte Initiativen zum Israel-Palästina-Konflikt
Boykott,
Investitionsentzug, Sanktionen und politische Aufklärung
Überall würde man sich über mögliche Sanktionen
gegen Israel erregen, monierte Jeff Halper als ein Repräsentant
der israelischen Friedensbewegung vor mehr als 200 ZuhöherInnen
der Konferenz "Weg mit der Mauer in Palästina". Doch
wer merke auf, wenn Deutschland der Bürgermeisterin von Ramallah,
Janet Michael, die Einreise zur Teilnahme an dieser Konferenz der Friedens-
und Solidaritätsbewegung verweigert? Da mit der Person Michaels
nicht nur sie selbst sondern zugleich ihr Volk boykottiert würde,
forderte er ein starkes Zeichen des Protestes.
Janet Michael selbst drückte in ihrem Grußwort an den Kongress
ihre "Verwunderung und ihr Unverständnis" darüber
aus, dass ein Land, von dem sie erwartet hätte, dass es sich für
die Rechte eines unterdrückten Volkes einsetze, ihren fristgerechten
Einreiseantrag erst ohne Begründung ablehne.
Die Organisatoren der Konferenz werten das "fünf vor Zwölf"
gemachte Angebot einer möglichen Visumerteilung für Frau
Michael als politischen Taschenspielertrick, der zur Behauptung führen
könne,
die Einreise wäre möglich gewesen. Sie akzeptierten mit Bedauern
Frau Michaels Reaktion, dieses politische Vorgehen nicht zu akzeptieren.
Sie blieben bei ihrer Kritik, dass die Bundesregierung sich mit diesen
Vorgängen nicht nur zum Erfüllungsgehilfen der Politik der
US-Administration mache, sondern sich zugleich in Europa isoliere.
Laut eigenen Erkundigungen würde kein wichtiges europäisches
Land einer solchen Visumverweigerung entsprechen. In dieser Kenntnis
verstärke die Einreiseablehnung nicht nur die Brüskierung
der Bürgermeisterin Michael sondern stoße zugleich alle
jene Kräfte des palästinensischen Volkes vor den Kopf, die
sich um eine friedliche Konfliktlösung, Demokratisierung und Durchsetzung
der Menschenrechte in der Region bemühen.
Angesichts der auf der Konferenz belegten engen Verzahnung der US-,
europäischen und der deutschen Politik mit dem Israel-Palästina-Konflikt
richtet sich die Entscheidung der deutschen Regierung zugleich gegen
alle engagierten Bemühungen von Menschen in Deutschland, in diesem
Konflikt mit zivilgesellschaftlichen Mitteln zu intervenieren.
Von der Konferenz ergeht deswegen ein Appell an die deutsche Öffentlichkeit,
von der deutschen Regierung in Bezug auf den israelisch-palästinensischen
Konflikt einen entschiedenen Politikwechsel hin zu einer neutralen,
den Dialog fördernden und Verhärtungen aufweichenden Linie
zu fordern. Dazu gehört auch die Förderung nachhaltigen zivilgesellschaftlichen
Engagements in Deutschland und Europa hin zu einer Lösung dieses
Konfliktes. Der "Koordinationskreis Stoppt die Mauer in Palästina"
wird die praktischen Fragen von Boykott, Investitionsentzug, Sanktionen
und politischer Aufklärung in den kommenden Monaten intensiv angehen.
Bei wenigen Enthaltungen verabschiedeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
der Konferenz die im gesonderten Dokument beigefügte Erklärung.
Berlin, 18. November 2006
Koordinationskreis Stoppt die Mauer in Palästina
im Namen der Organisatorinnen und Organisatoren der Konferenz
Seit unserer ersten "Stop the wall"-Konferenz 2004 in Köln
ist eine weitere schwerwiegende Eskalation der Lage in den besetzten
palästinensischen Gebieten eingetreten. Der Bau von Mauern und
"Trennungsbarrieren" auf dem Territorium der Westbank ist trotz des
Gutachtens des Weltgerichtshofs in Den Haag vom Juli 2004, das deren
Völkerrechtswidrigkeit eindeutig feststellte, von der israelischen
Regierung ungestört fortgesetzt worden. Auch die überwältigende
Mehrheit der UN-Vollversammlung, die für die zügige Umsetzung
dieses Rechtsgutachtens stimmte, konnte nicht bewirken, dass der Bau
gestoppt wird.
Die europäischen Regierungen haben ihren Einfluss gegen die Errichtung
der Mauer in keiner Weise geltend gemacht, obwohl sie diesem UN-Votum
selber zugestimmt haben!
In Gaza wurden ungeachtet des einseitigen Abzugsbeschlusses der Regierung
Israels und der vollzogenen Räumung der Siedlungen die Politik
der Einsperrung perfektioniert und die Luftangriffe sowie gewaltsamen
Anschläge der israelischen Armee weiter gesteigert. Beobachter
vergleichen dieses Gebiet mit einem "Freiluftgefängnis".
Der Menschenrechtsberichterstatter der Vereinten Nationen, John Dugard,
hat darauf hingewiesen, dass die israelischen Maßnahmen gegen
die palästinensische Zivilbevölkerung eine permanente Verletzung
der Genfer Konvention und der Menschenrechts-Charta der UN darstellen.
Die von der EU mitgetragenen Sanktionen gegen die Palästinenser
wegen der von ihnen demokratisch gewählten Hamas-Regierung haben
das Elend in gravierender Weise zusätzlich verschärft.
Die fortgesetzte politische, ökonomische und militärische
Unterstützung der israelischen Besatzungspolitik durch die europäischen
Staaten und die EU fördert einen permanenten Kriegszustand an
einem weltpolitisch neuralgischen Punkt, einer Nahtstelle zwischen
dem Westen und der arabisch-islamischen Welt. Statt die aus der Kolonialherrschaft
und speziell in Deutschland aus dem Mord an den europäischen Juden
erwachsene Verantwortung für den Frieden wahrzunehmen, macht die
von den europäischen und US-amerikanischen Machteliten betriebene
Politik der doppelten Standards und der Heuchelei jeden Schritt zu
einem vernünftigen Interessenausgleich in der Region zunichte.
Indem sie das militaristische Konzept des "Kriegs gegen den Terror"
auch auf diesen Konflikt anwenden und mit israelischen Politikern kooperieren,
die ohne Rücksicht auf das System der Völker- und Menschenrechte
eine Politik der Zerstörung und Gewalt ausüben, heizen sie
einen Brandherd weiter an.
Wenn Regierungen versagen, ist es Aufgabe der Bürger, nicht nur
darauf hinzuweisen, sondern auch aktiv einzugreifen. Als Kampagne gegen
den Mauerbau werden wir weiter
die deutsche Öffentlichkeit über das mit dem Mauerbau
und der Besatzung verbundene Unrecht informieren.
auf deutsche
und EU-Instanzen solange einwirken, bis Waffenexporte in die Krisenregion
Nahost völlig eingestellt und Handelsbeziehungen
daraufhin überprüft werden, inwieweit sie mit dem Menschen-
und Völkerrecht vereinbar sind. Die gewählte palästinensische
Selbstverwaltung muss als Partner für Dialog und Zusammenarbeit
akzeptiert werden, die strangulierenden Sanktionen gegen die palästinensische
Bevölkerung müssen sofort beendet werden.
gewaltlose
Kampagnen israelischer und palästinensischer
Aktivistinnen und Aktivisten gegen die Errichtung des "Trennungszauns"
unterstützen. Dazu gehört insbesondere, dass wir den Aufruf
der palästinensischen Zivilgesellschaft zu "Boykott, Investitionsentzug
und Sanktionen" gegen die israelische Besatzungspolitik aufgreifen
werden, und sowohl mit unseren palästinensischen als auch mit
den israelischen Partnern und Freunden sowie in der deutschen Friedens-
und Solidaritätsbewegung eine intensive Debatte darüber führen
wollen, wie diese Kampagne, die an den Erfahrungen der Anti-Apartheid-Bewegung
zu Südafrika anknüpft, in Deutschland sinnvoll umgesetzt
werden kann.
Die Elemente für eine politische Lösung, für ein gleichberechtigtes
und friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern,
Juden, Arabern, Muslimen und Christen sind längst entwickelt.
Staatliche Selbstbestimmung in international garantierten und wechselseitig
anerkannten Grenzen ist ein Teil solcher Konzepte. Was fehlt, sind
nicht die Ideen für nachhaltigen Frieden im Nahen Osten, sondern
der politische Wille gerade auch der westlichen Regierungen.
Dem wollen wir mit einer breiten Bürgerbewegung auf die Sprünge
helfen, und damit auch in Deutschland selbst Mauern zwischen den Menschen
verhindern und einreißen.
Berlin, 18. November 2006
Koordinationskreis Stoppt die Mauer in Palästina
im Namen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
und der Organisatorinnen und Organisatoren der Konferenz